Denken und (Fehl-) Entscheidungen

Zuletzt geändert: 20.11.2008 durch den Autor

(Im Wesentlichen ein Auszug aus den Kapiteln 4.1 und 4.2 meiner Magisterarbeit. Wer an Details - z.B. Literaturhinweisen - interessiert ist, kann die ganze Arbeit per Email - eumel100@web.de - anfordern. Die ganze Arbeit umfasst ungefähr 100 Seiten, davon über vierzig zu unserem Thema.)



Einleitung

Wir alle fällen täglich Entscheidungen, manchmal unbedeutendere, wie z.B. bei einem kleineren Einkauf (wo und was wir kaufen), manchmal geht es auch um wesentlichere Dinge, wie beispielsweise um den Kauf von Möbeln oder einem Auto, um einen Häuserkauf, um einen Umzug, einen neuen Arbeitsplatz oder Ähnliches. Wenn wir Führungskräfte sind, müssen wir uns vielleicht sogar über die Anschaffung einer teuren Maschine Gedanken machen oder über einen neuen Standort für eine Fabrik. Und Planer in der Verwaltung oder Richter sind sowieso schon berufsmäßig ständig mit Entscheidungen beschäftigt.

Alle diese Entscheidungen sind mehr oder weniger bewusst oder unbewusst. Alle Entscheidungen sind also mehr oder minder mit Denken und damit mit den Stärken und Schwächen unseres Gehirns verbunden. Und von Letzteren gibt es - wie Versuche gezeigt haben - leider mehr als genug. Das soll im Folgenden dargestellt werden.

Untersuchungen zur Frage, welche Schwächen des menschlichen Denk- und Wahrnehmungsapparates in welchem Maße (bezüglich Häufigkeit und Schwere) in der Praxis zu Fehlern bei Entscheidungen führen, liegen bisher nur ansatzweise vor. Das Hauptproblem bei der Verarbeitung von Informationen durch das menschliche Gehirn ist in der Tatsache begründet, dass die zu verarbeitenden Informationen im KZG (Kurzzeitgedächtnis) gehalten werden müssen.

Die Schwächen des menschlichen Denk- und Wahrnehmungsapparates basieren letztendlich wohl alle auf der Tatsache, dass das menschliche Gehirn sich im Laufe der Evolution nicht in Richtung auf systematisches, qualitativ hochwertiges Entscheiden, sondern in Richtung auf schnelles Reagieren - insbesondere in Notsituationen - und auf "ad-hoc-Problemlösen" hin entwickelt hat (also unter anderem auf kurzfristiges und nicht auf langfristiges Denken!). Diese Schwächen lassen sich dennoch - trotz einiger Grenzfälle - recht gut gliedern hinsichtlich der Frage, ob sie motivational oder kognitiv bedingt sind.


So genannte motivational bedingte Schwächen

Die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Ereignissen wird dann höher eingeschätzt als von den gegebenen Informationen her gerechtfertigt, wenn man sich das Auftreten dieses Ereignisses wünscht. Geißler bezeichnet das subjektive Sicherheitsgefühl der Entscheider in diesem Zusammenhang als "erstaunlich" (Geißler hat sich im Rahmen einer Dissertation mit Fehlentscheidungen auseinandergesetzt). Ähnliche Ergebnisse lieferten Studien zur Qualität von Prognosen. Einziges Gegenmittel ist die Beschaffung möglichst gesicherter Daten über die funktionalen Zusammenhänge von Umweltzuständen, Handlungsalternativen und Resultaten.

Wenn zu einer Entscheidung Informationen von Personen verwendet werden, die ein hohes Maß an Vertrauen in ihre Beurteilungen zeigen, sollte also dennoch zunächst von einer hohen Unsicherheit bezüglich der Korrektheit der Informationen ausgegangen werden.

Die Begründung einer Schätzung z.B. kann aufzeigen, ob die Schätzung eine objektive Basis hat oder nicht. Häufig sind jedoch die sachkundigsten Personen gerade diejenigen, die in besonderem Maße von der Schätzung (bzw. der darauf basierenden Entscheidung) abhängig sind. Andererseits: Je weniger Kenntnisse Menschen auf einem Gebiet haben, desto mehr überschätzen sie ihr Wissen.

Individuen bevorzugen bei der Auswahl von Informationen in der Regel solche, die ihre schon vorhandenen Annahmen bestätigen; widersprechende Informationen werden dagegen meist nur mit Vorbehalt aufgenommen. (Die Ursache für die Bevorzugung bestätigender Informationen liegt wahrscheinlich in der Tendenz des Menschen, so genannte "kognitive Dissonanzen" zu vermeiden.) Ausnahmen von der Bevorzugung bestätigender Informationen gibt es nur, z.B. wenn die kognitive Dissonanz extrem stark ist und die Entscheidung reversibel ist oder das Individuum erwartet, dass es dissonante Informationen widerlegen kann.

Ein Befund aus der empirischen Entscheidungsforschung zeigt die direkten Auswirkungen des Ausfilterns widersprechender Informationen beim Fällen von Entscheidungen. Informationen, die für die Vorzugs-Alternative sprechen, werden überbewertet. Möglicherweise wird auch aktiv und einseitig nach Informationen gesucht, die das Vorurteil bestätigen, dass die erste Alternative auch die beste ist, während widersprechende Informationen abgewehrt oder vernachlässigt werden.

Gruppen- und Autoritätsdruck können - ähnlich wie die Bevorzugung bestätigender Informationen - zu Fehlern in praktisch allen Bereichen eines Entscheidungsmodells führen.

Zusammenfassend muss festgestellt werden, dass motivational bedingte Schwächen des menschlichen Denkens zu häufigen und schwerwiegenden Fehlern bei Entscheidungen führen können. Das Problem aus Sicht des Entscheidens besteht darin, dass die Auswahl der bewusst aufgenommenen Informationen nicht ausschließlich nach Kriterien stattfindet, die von der Sachlage bestimmt sind. Zu den (unbewusst angewandten) Kriterien, die in der Praxis eine Rolle spielen, gehört z.B. die Anschaulichkeit der Information und die Frage, wo die Information in einer Reihe präsentierter Informationen steht (am Anfang oder Ende z.B.).


Kognitiv bedingte Schwächen

Hierbei geht es nicht um den (motivational bedingten) Verzerrungseffekt durch Erwünschtheit einer Information, sondern um die Wahrnehmung überraschender oder ungewohnter Informationen. Unerwartete Informationen werden anders verarbeitet als erwartete. Unabhängig davon, wo ihre Ursachen im Einzelnen zu suchen sind, können Fehlinterpretationen vorgegebener Informationen zu Fehlern in allen Teilen eines Entscheidungsmodells führen

Für das Modellieren von Entscheidungen sind Annahmen über die Zusammenhänge von Umweltzuständen, Handlungsalternativen und Resultaten bzw. Zielen von elementarer Bedeutung. Fehler, die in diesem Bereich gemacht werden, können zu einer falschen Bewertung und damit zur Auswahl einer schlechten Alternative führen. Gerade bei der Wahrnehmung von Zusammenhängen sind jedoch die Fähigkeiten des Menschen sehr begrenzt. Fehler in diesem Bereich betreffen
- das Erkennen und Einschätzen der Stärke von Korrelationen bei möglicherweise zusammenhängenden Größen,
- das Interpretieren von Korrelationen als Kausalitäten und
- das Erkennen von Abhängigkeiten in stark vernetzten Systemen (vor allem wird es gerne übersehen, wenn zirkuläre Beziehungen vorliegen - also Kreisläufe - oder sich gegenseitig verstärkende Prozesse, wie z.B. fast immer in der Wirtschaft!).
Die mögliche Folge beim Entscheiden ist z.B., dass von nicht-existierenden Zusammenhängen ausgegangen wird oder andererseits existierende Zusammenhänge übersehen werden.

Wenn den Versuchspersonen eine theoretische Erklärung für einen Zusammenhang der betrachteten Größen vorliegt, kommt es gegebenenfalls sogar zu einem erheblichen Überschätzen von Zusammenhängen. Man denke in diesem Zusammenhang an "Wissenschaften", wie z.B. die Volkswirtschaftslehre, in denen fast nur theoretisiert wird! Und darauf basiert unsere Wirtschaftspolitik zumindest zum größten Teil! (Etwas Verbesserungen gegenüber früher gibt es vielleicht durch die Simulation von Experimenten am Computer.)

Das Überschätzen von Korrelationen bzw. die fälschliche Annahme von Zusammenhängen kann außerdem durch rein verbale Assoziationen verursacht werden (z.B. durch den ähnlichen Klang von "Sucht" und "Suche"). Derartige Effekte wurden auch bei Fachleuten nachgewiesen und erwiesen sich zudem als schwer auszuschalten. Wenn keine Daten vorliegen, wird dementsprechend gerne von nicht vorliegenden Zusammenhängen ausgegangen, sofern nur eine logische (aber vielleicht falsche) Begründung für einen Zusammenhang angenommen wird.

Nicht nur bei der Aufnahme neuer Informationen über die Sinnesorgane, sondern auch beim Abruf von Informationen aus dem (Langzeit-) Gedächtnis werden bestimmte Informationen ausgefiltert. Andere Informationen können dagegen besonderes leicht aus dem LZG abgerufen werden. Da das Gedächtnis teilweise hierarchisch strukturiert ist, können insbesondere Informationen "höherer Ordnung" zu Verfälschungen auf unteren Ebenen führen. (Beispiel: Wer kann schon die Frage richtig Beantworten, ob der Panamakanal von Ost nach West oder von West nach Ost führt, wenn man ihn vom Atlantik zum Pazifik durchquert?) Besondere Vorsicht ist in diesem Zusammenhang geboten, wenn Werte rein verbal-qualitativ beschrieben werden. Die Problematik "unbewussten Wissens" bedeutet für Entscheidungen, dass bestimmte Informationen schwer oder gar nicht zu beschaffen sind, und dass erhebliche Fehler durch Missverständnisse möglich sind.

Logische Fehler können zu falschen Ausgangsdaten für ein Entscheidungsmodell führen, und auch zum Ermitteln einer schlechten anstelle einer optimalen (oder zumindest einer "guten") Alternative bei gegebenen Daten.

Menschen pendeln zwischen verschiedenen Ansichten, wenn sie neue Informationen zu verarbeiten haben.

Logische Inkonsistenzen können beim Modellieren und Lösen von Entscheidungsproblemen in jedem beliebigen Bereich zu Fehlern führen.

Überall dort, wo in eine Entscheidung Schätzwerte eingehen, kann ein schlecht gewählter Antwortmodus Fehler verursachen. Wie man fragt, ist oft von entscheidender Bedeutung!

Beurteilungen und (Wahrscheinlichkeits-) Schätzungen werden angesichts neuer Informationen häufig nicht oder nicht ausreichend geändert. So genannte Verankerung kann motivational mit verursacht sein, wie z.B. durch die bevorzugte Wahrnehmung bestätigender Informationen oder durch die Angst vor "Gesichtsverlust". Im Bereich "knowledge engineering" gilt Verankerung (nach Inkonsistenz) als eines der häufigsten Probleme. Dementsprechend sollte die Häufigkeit dieses Problems beim Modellieren von Entscheidungen ebenfalls als "hoch" angesehen werden.

Ähnlich, wie die Wahrnehmung ein Prozess ist, bei dem durch bereits vorhandenes Wissen Verfälschungen auftreten können, ist auch die Abfrage aus dem Gedächtnis ein Prozess, bei dem häufig mehr (re-) konstruiert als erinnert wird. Lücken zwischen erinnerten Fakten und Daten werden durch neue, erfundene Zwischenstücke gefüllt, und zwar derart, dass insgesamt ein stimmiges, widerspruchsfreies Bild entsteht. Reproduktion durch Inferenz führt häufig dazu, daß sich die Versuchspersonen auch an solche Dinge erinnern, die sie ursprünglich gar nicht gelernt haben.

Es ist praktisch immer der Fall, dass Menschen beim Denken Vereinfachungsstrategien einsetzen, die zwar einerseits das Lösen vieler Probleme erst ermöglichen, andererseits aber zu Fehlern bei prinzipiell allen Arten von Aufgaben führen können, wenn deren Schwierigkeitsgrad ein gewisses, unter Umständen sehr geringes Maß überschreitet. Die Tendenz zum Vereinfachen nimmt zu,
- wenn Problemstellungen besonders schwierig sind, wie z.B. bei einer hohen Zahl von Alternativen, unsicheren Erwartungen usw. bei Entscheidungsproblemen,
- wenn Personen sich unter Stress oder Zeitdruck gesetzt fühlen oder dies tatsächlich sind, oder
- wenn sie gestört oder abgelenkt werden.
Beispiele für Strategien zur Vereinfachung von Entscheidungsproblemen sind:
- Zurückgreifen auf altbewährte Lösungen,
- Risikoscheu / Konzentration auf die Vermeidung negativer Effekte("Sicherheitsdenken")
- Anwendung von Faustregeln, die meist aus der Ablehnung einer bestimmten Alternative bestehen und nicht die Vor- und Nachteile aller Alternativen insgesamt berücksichtigen,
- unzulässiges Zerlegen von Problemen in Teilprobleme,
- restriktives Informationsverhalten (zu geringe Informationsbeschaffung und -verarbeitung),
- unzureichende Untersuchung von Problemursachen: Abbruch der Ursachenanalyse nach einer zufrieden stellenden Erklärung,
- unzureichende Berücksichtigung mehrerer Problemursachen ("mono-kausales Handeln trotz multi-kausalen Denkens"),
- unzureichende Alternativengenerierung,
- Senken von Anspruchsniveaus
und - von der Wahrnehmungspsychologie noch nicht untersucht, aber der Erfahrung entsprechend - alles, was sich nicht in Zahlen ausdrücken lässt, wird gerne ignoriert oder zumindest unterschätzt (Beispiel: ob privat oder im Betrieb - Preis zählt und nicht Qualität!).

Graphische Darstellungen von zahlenmäßigen Zusammenhängen (Diagramme) ermöglichen es dem Betrachter, das Wesentliche einer großen Menge einzelner Werte auf einen Blick zu erfassen, sofern nur gewisse Mindestanforderungen an die Qualität der Darstellung erfüllt sind. Mit Hilfe von Diagrammen können mehr Informationen in kürzerer Zeit aufgenommen werden als bei tabellarischer Darstellung, und die Informationen bleiben nach neueren psychologischen Erkenntnissen auch besser im Kurzzeitgedächtnis haften, was für die Weiterverarbeitung der Informationen von großer Bedeutung ist. Simultane Darstellung von Daten verringert die Wahrscheinlichkeit von Fehlern bei der Datenauswertung. Die Darstellung einer zeitabhängigen Größe in einem Kurvendiagramm kann bewirken, dass die Wachstumsraten der betreffenden Größe unterschätzt und dementsprechend bei einer Entscheidung nicht ausreichend berücksichtigt werden.


Zusammenfassung

Insgesamt gesehen gibt es eine Unzahl möglicher Fehler beim Entscheiden. Die Fehlentscheidung dürfte daher eher die Regel als die Ausnahme sein; richtige Entscheidungen darf man wohl eher als Glück denn als Können ansehen. Die Frage stellt sich von daher z.B., ob die hohe Bezahlung unserer Führungskräfte/Entscheider in Wirtschaft, Politik und Verwaltung gerechtfertigt ist.

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Harald K., E-Mail: eumel100@web.de

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