Wirtschaft - was jeder darüber wissen sollte

Zuletzt geändert: 13.12.2008 durch den Autor

Die Wirtschaftspolitik basiert auf den Erkenntnissen der Volkswirtschaftslehre. Ist das wirklich eine wissenschaftliche Grundlage?!?
In den Naturwissenschaften gilt die Regel, dass eine Aussage durch ein Experiment widerlegt können werden muss. Leider sind in Bezug auf eine Volkswirtschaft praktisch keine Experimente möglich. Man kann nicht an einem ganzen Staat - noch dazu unter definierten Bedingungen! - herumprobieren (auch wenn unsere Politiker das immer wieder probieren ;-) ).
In heutiger Zeit behilft man sich deswegen mit der Simulation solcher Experimente auf dem Computer. Wie weit kommt man damit?
Für Simulationen braucht man Modelle: Sie basieren einerseits auf statistischen und ökonometrischen Daten; die dürften wohl recht brauchbar sein. (Volkswirtschaftliche Daten werden bei uns relativ akribisch gesammelt.)
Andererseits braucht man Informationen über Zusammenhänge. Dazu sind die Volkswirtschaftler im Zweifel auf die Theorie angewiesen. Nun wissen wir aber aus der Denkpsychologie, das Menschen bei zugrunde liegen einer theoretischen Begründung im Normalfall stärkere Zusammenhänge annehmen, als aufgrund von Daten gerechtfertigt wäre (ein Effekt den wir schon aus der Denk- und Entscheidungspsychologie kennen - vgl. meine Seite zum Thema "Denken und (Fehl-) Entscheidungen"!).
Hier liegt also (im Zweifel: immer) ein Schwachpunkt des jeweiligen der Simulation zugrunde liegenden Modells. (Deshalb kann man den politischen Gegner auch immer kritisieren, seine Modelle drehen, wie es einem gerade passt usw.)
Wenn man zusätzlich in die Zukunft schauen und z.B. die Auswirkung einer Maßnahme beurteilen will, benötigt man außerdem Prognosen, und die haben vor allem eins gemeinsam: Meistens - in 2/3 der Fälle - sind sie (mehr oder minder) falsch.
Dazu kommt bei konkreten wirtschaftspolitischen Entscheidungen im Normalfall, dass man es mit konkurrierenden Zielen zu tun hat: Man hat zwar unbestreitbare Vorteile, aber auf der anderen Seite hat man Nebenwirkungen, die man nicht haben will.
Beispiel "Agenda 2010": Dass es durch die Agenda 2010 (drastisch) weniger Arbeitslose gibt, ist nicht zu bezweifeln. Dass die Bevölkerung durch die aus dem Boden sprießenden "Tafeln" viel soziales Engagement bewiesen hat auch. Für unsere (angeblich) soziale Marktwirtschaft ist die offensichtliche Notwendigkeit der "Tafeln" allerdings kein Ruhmesblatt!
Obendrein sind wirtschaftliche Systeme sehr komplex - man hat es hier mit einer Vielzahl von sich gegenseitig hemmenden oder verstärkenden Teilsystemen zu tun. Aus der Physik, der Meteorologie und der Chaostheorie weiß man, dass solche Systeme unter Umständen sehr stark schon auf winzige Änderungen in den Anfangsbedingungen reagieren. Selbst wenn man also solche Systeme modellieren könnte, so bleibt die Frage, ob man trotz aller Akribie, die erforderlichen Daten mit der nötigen hohen Genauigkeit überhaupt erfassen könnte. (Mal abgesehen davon, dass unter Umständen hauchdünne und dementsprechend nicht vorhersagbare Entscheidungen, z.B. von Parlamenten, Präsidenten oder Unternehmensführern, eine wesentliche Auswirkung auf einen Markt und die dortigen Verhältnisse haben können.)
Man kann also bestenfalls hoffen, dass Modelle Aussagekraft für die Realität haben! Ein emeritierter Volkswirtschaftsprofessor, mit dem ich mich einmal über das Thema unterhielt, meinte über sein eigenes Fach: "Wir wissen eigentlich nichts."
Dazu kommt, dass unsere Anhänger der "freien Marktwirtschaft" leider einige Details übersehen.
Erstens sind die am Markt beteiligten Subjekte Menschen, und man weiß längst - dazu müssten die Volkswirtschaftler nur mal eine Marketingvorlesung aus der Nachbarwissenschaft Betriebswirtschaftslehre besuchen - dass sich die nun mal nicht einfach nur nach dem Preis richten (der den Markt ja angeblich steuert!), sondern nach vielen anderen Dingen, wie beispielsweise Aussehen oder Prestige einer Ware.
Außerdem richten sich die Anbieter nicht so ohne weiteres nach dem (aktuellen) Preis, sondern nach dem, was sie erwarten. Und das muss zwar nicht zwangsläufig, aber kann davon abweichen (in welcher Art auch immer - das wäre ein extra Kapitel!).
Zudem müssen sich die Anbieter auch dem Markt anpassen können. Das klappt bei kurzlebigen Verbrauchsgütern ganz gut, aber wehe, wenn es sich beispielsweise um Häuser oder High-Tech-Waren handelt.
Häuser stehen nun mal Jahrzehnte - wehe es gibt hier ein Überangebot, dann sind die Preise auf ebenso lange Zeit kaputt, es sei denn, man hat das Glück, dass der Überschuss von einem Bevölkerungswachstum wieder kompensiert wird (wie es früher beispielsweise in der Bundesrepublik der Fall war).
Wer sich fragt, wie die Finanzkrise entstanden ist, sollte sich mal den Häusermarkt in den USA angucken! Dort wurden - als die Zinsen noch niedrig waren - Kreti und Pleti Häuser verkauft, auch noch mit Krediten, deren Zinssatz nur kurzfristig festlag. Jeder Betriebswirt lernt, dass man langfristig gebundenes Kapital (und darum handelt es sich natürlich bei dem Kapital für Häuser) auch langfristig finanzieren sollte! Kurzfristig betrachtet und bei niedrigen Zinsen waren die Kredite selbstverständlich gut. Menschen denken nun mal kurzfristig (vgl. meine Seite zum Thema "Denken und (Fehl-) Entscheidungen"!), und bei den Ratingagenturen, die diese Kredite zu bewerten hatten, arbeiten auch nur Menschen! Jetzt haben wir den Schlammassel. Wenn unsere Politiker nicht nur Sonntagsreden halten würden, sondern fit in Wirtschaft wären, wäre das vielleicht nicht passiert. (Ich habe sogar - mehr oder minder per Zufall - eine Vorlesung über "Wohnungswirtschaft" gehört - als einer von ungefähr fünf Zuhörern!)
Und bei High-Tech-Waren? Die bleiben im Normalfall gerade so lange auf dem Markt, bis es etwas Besseres gibt. Dann geht die Nachfrage - und damit der Preis - schlagartig und für immer in den Keller!
Das sind nur zwei Beispiele dafür, dass der Markt nicht so wie in der Theorie funktioniert. Wenn auf mindestens einer Seite des Marktes (Angebot oder Nachfrage also) ein Monopol oder ähnliches (ein Kartell z.B., das es zwar nicht geben dürfte, woran in der Praxis aber unter Umständen Dutzende von Unternehmen beteiligt sind!) herrscht, wie beispielsweise auf dem Arbeits- oder Energiemarkt, dann gelten sowieso andere Regeln.
Ähnlich verhält es sich mit der Privatisierung. Obwohl sie oft das geeignete Mittel ist, die Bevölkerung vor überteuerten Leistungen zu schützen, zeigt jedoch das Beispiel der Privatisierung der Energiewirtschaft in den USA, das es nicht immer so läuft, wie man es sich vorgestellt hat.
Die dort zunächst erzeugte Konkurrenz führte zur Verdrängung der kleinen Anbieter vom Markt. Die Führungskräfte der großen Unternehmen schielten nur auf den kurzfristigen Gewinn und unterließen zugunsten dessen die eigentlich notwendigen langfristigen Investitionen. In der Folge kam es zur Verknappung der Energie, mit explodierenden Preisen, Stromausfällen und anderer Unbill für die Kunden, denen es den Anhängern der Privatisierung zufolge doch eigentlich hätte besser gehen sollen. Das exakte Gegenteil war der Fall!
Privatisierung mag im Grundsatz gut sein, aber flankierende Maßnahmen sind doch oft angeraten. Sonst schadet die Privatisierung vielleicht nur den Kunden oder beispielsweise den Arbeitsnehmern, die zugunsten des (kurzfristigen) Gewinnes zu schlechteren Bedingungen arbeiten müssen. Alles einfach dem Markt zu überlassen etwa nach dem Motto "der wird schon alles regeln" ist in den seltensten Fällen eine intelligente Lösung!
Fazit: Vor allem ist wichtig, dass alle an der Wirtschaft beteiligten Menschen sind und somit kurzfristig (und überwiegend an sich und nicht an die Allgemeinheit) denken; der Staat ist deshalb gut beraten, Gesetze so zu gestalten, dass sich langfristige Planung (und Handeln für die Allgemeinheit) auszahlt. (Beispielsweise sollte der Staat dafür sorgen, dass sich Ausbildung lohnt, damit die Wirtschaft nicht irgendwann trotz Massenarbeitslosikeit einen Fachkräftemangel zu beklagen hat!)


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Harald K., E-Mail: eumel100@web.de

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